Claudia Heu in Zusammenarbeit mit dem Künstler und Filmemacher Gerhard Fillei und der Theaterwisschenschafterin und Cham Forscherin Munguchimeg Bathmunk
Wüste Gobi, 2018
Einladung zu einer Versuchsanordnung über das Verschwinden
Daidushari und Chöd - Gespräch mit Karénina Kollmar Paulenz
Forschung Sommer 2018, Wüste Gobi
Alga Bolokh III ist die dritte in einer Reihe von Performances, die sich mit gefährdeten Orten und dem Nichterzählten auseinandersetzen:
am 8. september 2013, besuche ich khamaryn khid in der wüste gobi, das in der nähe der wüstenstadt sainshand liegt.
im museum in sainshand stehe ich vor einer vitrine mit dem kostüm einer frau: maske, mantel, stiefel. alles groß, weit, beeindruckend. ich frage mich wer sie ist. und erfahre von einer kollegin, dass die trägerin des kostüms daidushari hieß. seit 2 wochen bin ich nun in khamaryn khiid, habe bei sonnenaufgang an fürhungen teilgenommen - jedoch ihren namen nie gehört-
daidushari, die ehemalige schülerin und gefährtin an der seite von danzanravjaa, dem gründer von khamaryn khiid oder khamar kloster, in das ich in den nächsten jahren noch dreimal zurückkehren werde. dem traditionsstifter, dem großen kulturträger mit seinem theater und dem meditationszentrum, in dem männer und frauen gleichzeitig üben.
altangerel, der derzeitige linienhalter und kurator von khamaryn khiid, sagt mit großer überzeugung: danzanravjaa, ohne daidushari das ist nicht vorstellbar.
und dennoch: so mächtig wie ihr kostüm da steht, so getilgt ist sie in den erzählungen der menschen.
sogar ihre biografie, die einzige, die je über sie geschrieben worden ist, kann nicht mehr aufgefunden werden. die große nichterwähnte, die verschwundene.
Khamaryn Khiid bzw das Khamar Kloster liegt am südöstlichen Rand der Wüste Gobi, etwa 25 Meilen südlich von Shainsand. Das erste Theater der Mongolei entstand hier im Jahr 1820 unter der Leitung von Dulduityn Danzanravjaa, einem Visionär, spirituellen Führer, Theater- und Opernregisseur, Dichter. Inspiriert und unterstützt wurde er von Daidushari, seiner ehemaligen Schülerin und späteren Weggefährtin, Daidushari war eine Dakini, Dichterin und Musikerin.
Dort, wo dieses längst verschwundene Theaters stand planen wir eine visuell-auditive Performance-Tour – als Fortsetzung des Projekts Alga Bolokh – On Disappearance I & II (Ulaanbaatar 2013, Berlin 2014. Es wird die Stimme einer Frau sein, die uns „an die Hand nimmt“ – in Anlehnung an Daidshari. Entlang von markanten Punkten, die der Orientierung dienen - z. B. „Theaterfelsen“, „Glocken am westlichen Horizont“, Himmelsrichtungen, Sonnenaufgang – wird man über das Gelände des verschwundenen Theaters geführt werden.
Die Erzählung entfaltet sich fragmentarisch und ist untrennbar mit der unmittelbaren, körperlichen Erfahrung der Wüste verbunden – mit ihren sich stetig wandelnden visuellen, akustischen und meteorologischen Phänomenen. Schicht um Schicht dringt man in die Geschichte dieses Ortes ein, während Realität und Fiktion zunehmend ineinander übergehen und sich gegenseitig durchdringen. Schließlich schließt sich dieses Fenster in die Vergangenheit, und man bleibt in der Stille und Weite der Gobi-Wüste zurück.
Ein zentrales Anliegen dieses Forschungs- und Kunstprojekts ist es, im Rahmen archäologischer Untersuchungen und Archivierungsprozesse die Stimmen von Frauen – insbesondere jene von Daidushari – aus der Vergangenheit hörbar zu machen und erfahrbar werden zu lassen, wie Frauen und Männer zusammen lebten, praktizierten und schöpferisch arbeiteten.
Die Storytour ermöglicht eine unmittelbare Erfahrung einer spezifischen Vergangenheit, die Begegnung mit den sich ständig verändernden Bedingungen der Gegenwart sowie das visionäre Potenzial für die Zukunft dieses Ortes.
Ort und Kontext
Im Jahr 1820 befanden sich in Khamaryn Khiid ein professionelles Theater und eine Wandertruppe, eine öffentliche Bibliothek, ein Museum sowie eine Grund- und Kunstschule für Jungen und Mädchen. Zusätzlich gab es drei Klöster und rituelle Orte für Frauen, aussergewöhnlich für diese Zeit.Die Grund- und Kunstschule für Mädchen und Jungen war im vorrevolutionären Mongolei einzigartig. Die erste professionelle öffentliche Theaterproduktion, The Life of the Moon Cuckoo, wurde 1832 an diesem Ort mit einem Ensemble von 300 Musiker:innen und Schauspieler:innen aufgeführt und knüpfte an die Wurzeln des rituellen Tsam-Tanzes an. Frauen in Khamaryn Khiid standen nicht nur auf der Bühne, sondern verkörperten auch männliche Rollen.
Im Jahr 1938 wurden während der stalinistischen Repressionen und Säuberungen in der Mongolei nahezu alle spirituellen und kulturellen Orte zerstört – so auch Khamaryn Khiid mit seinem Theater, den rituellen Orten, Klöstern, Museen und Schulen.
Der damalige Kurator G. Tudev ergriff heimlich Maßnahmen, um das Erbe zu retten: Er verpackte zahlreiche Bücher, Theaterkostüme und Kunstwerke in Kisten und vergrub sie an verschiedenen Orten in der Wüste.
Diese Kisten blieben bis 1990 verborgen. Mit dem Ende der sozialistischen Herrschaft in der Mongolei grub Tudevs Enkel Z. Altangerel, der heutige Hüter dieses visionären Erbes, die Objekte wieder aus.
Altangerel versucht den Ort im Sinne von Danzanravjaas ursprünglicher Vision wieder aufzubauen und das dort verborgene Wissen wird nach und nach freigelegt. Inzwischen hat sich Khamaryn Khiid zu einem außergewöhnlichen, transnationalen Treffpunkt für eine wachsende Zahl von Menschen aus aller Welt entwickelt.
LECTURES & PUBLIKATIONEN
International Scientific Conference I Culture World of the Mongols: Heritage, Values and Art I Mongolian State University of Art and Culture, Research Department, Ulaanbaatar, Mongolia. July, 2018
Publication International Conference- Cultural Heritage of Mongolia at the Mongolian State University of Art and Culture. Tomus XXVIII Fasciculus 1- 63 2018,
Lecture im tanz_buero Salzburg, transkulturelle Researchprojekte, 13. October 2018
Labor Im_ flieger in the frame of In_ Forschung, 16. - 18. November 2018
3rd International Conference on Mongolian Buddhism | Research Centre for Mongolian S Studies | Eötvös Loránd University, Budapest, HU, April 2019
International Vienna Mongolian Studies Symposium I DISPERSED AND CONNECTED: MOBILITIES, MATERIATLITIES AND BELONGING(S) IN MONGOLIA AND BEYOND i Weltmuseum Vienna, Austria, 2020
Storytour I First Setch, as part of the Researchproject in July 2018